Adler
 
6 - Der Hurleystick in Limerick
 

HurleyStickAn einem späten Sommerabend büffelte ich Englische Vokabeln am langen Küchentisch der Familie McNamara in Limerick, im Südwesten von Irland.
Die grüne Insel hatte es mir angetan, darum hatte ich mich vor Wochen um die frei gewordene Stelle als Au-Paire-Mädchen bei dieser Tierarztfamilie beworben. Die prompte Zusage, die in einem freundlichen Brief bei mir ankam, bewog mich, tags darauf das Flugzeug über London nach Shannon zu besteigen.Wie in dem kurzen Schreiben stand, konnten der Tierarzt und seine Frau schnelle Hilfe gebrauchen.

Linda holte mich mit ihren drei Sprösslingen John, Jamie und Charles vom Flughafen ab. Wie sie mir auf der Heimfahrt erzählte, waren die Drei ausser in den Sommerferien und an Weihnachten fern von Zuhause im College in der Hauptstadt Dublin. Der Kleinste war gerade sieben Jahre alt!

An jenem Abend also, befand ich mich allein mit John, dem ältesten, im Haus. Das Ehepaar verbrachte mit den zwei Kleinen drei Ferientage in Schottland. Da öffnete sich leise die Eingangstüre, die direkt zu mir in die Küche führte. Verblüfft sah ich, wie ein blasser junger Mann grusslos eintrat. Ohne mich zu beachten, steuerte er geradewegs auf die Kaffee-Ecke zu, welche speziell für die Besitzer unserer vierbeinigen Patienten eingerichtet worden war.

Grace, die Köchin, füllte wie jeden Tag noch eine Thermoskanne mit Kaffe auf, stellte frische Milch dazu und gab noch einige Zuckerwürfel in die bunte Blechdose, ehe sie vor einer Stunde das Haus verliess.

Eigentlich waren solche Besuche an der Tagesordnung, wäre es draussen nicht schon dunkel gewesen und die Praxis im gegenüberliegenden Trakt des grossen Hauses geschlossen.

Der sommersprossige, rothaarige Besucher betrachtete mich eingehend, während er zwei Löffel Zucker in eine braune Tasse schaufelte und Kaffee dazu goss. Er schob dann aber die Tasse von sich und fragte er mit leiser Stimme: „Bist Du der neue Stallbursche aus Holland?“ Mein Herz klopfte schneller, denn ich begann mich zu fürchten. Mein zaghaftes Nicken überzeugte ihn anscheinend denn er fragte weiter: „Wo ist denn die kleine Schweizerin, sie soll sehr sweet sein?", wobei er vielsagend mit der Zunge schnalzte.

Genau in diesem Moment betrat der 14-jährige John die Küche. Ich sprang wie von einer Tarantel gestochen hinter dem Tisch hervor und befahl ihm: „Hol Grace, sie hat vergessen, Kaffee zu kochen!“ Der Junge schaute etwas irritiert auf den späten Besucher, ging aber mit einem kurzen Kopfnicken davon. In der Hoffnung, er habe meinen Hilferuf verstanden, setzte ich mich zurück auf meinen Stuhl. Der Eindringling stolzierte nun durch den lang gezogenen Raum und verschwand im schlecht beleuchteten Korridor, der zum Hintereingang führte.

Ein lautes Poltern riss mich aus meiner Erstarrung. Erleichtert rannte ich dem Stimmengewirr entgegen, denn ich meinte Grace’s Stimme erkannt zu haben. Da legte sich eine kalte Hand auf meinen nackten Arm, Licht flackerte auf. Mein greller Schrei hallte durch’s ganze Haus. Im hellen Schein einer Taschenlampe erkannte ich das schrecklich entstellte, zahnlose Gesicht eines fremden Hünen. Ich glaubte, nun habe endgültig mein letztes Stündchen geschlagen!

Gottlob erschien im Hintergrund das freundliche Gesicht der Köchin, bewaffnet mit einem Hurleystick. „Hit him“ – „schlag zu“ rief ich ihr in meiner Panik zu. "Aber Nein, das ist doch Tom, mein Mann! John hat uns geholt; ein Fremder soll sich hier ins Haus geschlichen haben!“ Immer noch geschockt aber doch erleichtert, setzten wir uns an den Küchentisch.

Da erzählte mir Grace vom schrecklichen Unfall ihres Mannes, durch welchen sein Antlitz so zugerichtet worden war. Meine Knie waren immer noch weich wie Butter, als ich mich später in mein Zimmer begab.

Wie sich später herausstellte, hatte ich grosses Glück gehabt, dass der Bursche wegen meinem knabenhaften Aussehen mit kurzen Haaren, weitem Männerhemd, Cordhose und hohen Lederstiefeln keinerlei Interesse an mir zeigte, da er mich für den neuen Stallburschen hielt.

Nach der Rückkehr meiner Gastfamilie erfuhr ich, dass es sich beim späten Besucher um einen bekannten Voyeur und Frauenhasser gehandelt hatte. Von nun an achtete ich darauf, dass die Haustüren am Abend abgeschlossen wurden. Seither weiss ich, was ein Hurleystick ist und wofür er gut sein kann!

Hurling (irisch: Iomáint, Iománaíocht) ist ein Mannschaftssport keltischen Ursprungs, der mit Stöcken und einem Ball gespielt wird. Es wird hauptsächlich in Irland gespielt und ist eine der schnellsten Mannschaftssportarten der Welt. Es gibt Parallelen zum schottischen Shinty. Die Frauenvariante des Hurling heißt Camogie. Das Ziel des Spiels ist es, mehr Tore und Punkte zu erzielen als die gegnerische Mannschaft. Eine Mannschaft besteht aus 15 Spielern. Quelle: WIKIPEDIA