Adler
 
7 - Fremde Esskultur
 

ObelixAuch mit dem Essen war Irland eine Herausforderung für mich. Gleich nach meiner Ankunft in Shannon machten wir Halt bei Mabel, Lindas Freundin, wo wir zum Mittagessen eingeladen waren.

Ach wie ich mich freute, als Kartoffelbrei mit Gehacktem vor mir auf dem grossen, weissen Teller lag. Hungrig schob ich eine Gabel voll in den Mund. Mit Mühe gelang es mir, den Bissen hinunter zu schlucken, denn Pfefferminze dominierte das ganze Essen. „Das arme Schwein“, kam mir der Ausruf von „Obelix bei den Briten“ in den Sinn. Aber das war nur der Anfang!

Linda und ihr Gatte Malcolm liebten Hammelkeule, deshalb stand das mindestens zwei Mal pro Woche auf dem Speiseplan. Eine Morgens schaute ich der Köchin zu, wie sie das Hammelfleisch zubereitete. Ohne jegliche Gewürze legte sie das Fleischstück in eine feuerfeste Form, um es im Ofen zu braten. Eilig schälte ich zehn Knoblauchzehen, stach ebenso viele Löcher in den Braten und bestückte jedes mit einer Zehe. Pfeffer und Salz sollten dem Fleisch zusätzlich einen guten Geschmack geben.

Mittags zog ein herrlicher Duft durch das ganze Haus. Malcolm rümpfte beim Essen angewidert die Nase: „Grace, was hast Du mit dem Fleisch gemacht?!“, schimpfte er mit der Köchin, die ihrerseits lustlos auf einem Stück herum kaute. „Das ist Gigot nach Schweizer Art“, lächelte Grace verschmitzt.

Um den ungewohnten Geschmack zu übertönen tauchte nun Malcolm jeden Bissen in Kochsalz, bevor er ihn mit Todesverachtung in den Mund schob. „Dass Du mir das nie mehr machst!“, ermahnte er mich nachdrücklich.

„Was ist denn das?!“, rief Linda, die auch heute wieder ihren riesigen Teller Salat vor sich stehen hatte. „Ich glaubte, Dir einen Gefallen zu tun, denn ich verfeinerte Deinen Salat mit einer köstlichen französischen Sauce“, murmelte ich verlegen. Auch sie streute auf jeden Bissen reichlich Kochsalz. „Wir essen nie Salat mit Sauce, sondern nur mit Salz, und das soll auch so bleiben!“, ermahnte auch sie mich. Da erkannte ich zum ersten Mal, dass meine Kochkünste hier nicht auf die erhoffte Gegenliebe stiessen.

Zum Frühstück ass Jamie das Eigelb und Charles das Eiweiss der Spiegeleier. Folglich landete täglich ein ganzes Ei im Abfalleimer. Ich wollte es besser machen und briet am folgenden Morgen nur ein Ei für die beiden Kinder. Jeder bekam den bevorzugten Anteil des Spiegeleis, doch sie beklagten sich lautstark bei ihrer Mutter über die neue Sitte. „Glaubst Du wir müssten sparen?!“ lamentierte meine Gastmutter aufgebracht und schlug nochmals zwei Eier in die Pfanne. Damit war auch diese Tätigkeit aus meinem Pflichtenheft gestrichen.

Einmal wollte ich den Kindern eine Freude mit ‚Spaghetti Bolognese’ bereiten. Doch ausser mir und den Schweinen des Nachbarn schien mein Essen Niemandem zu schmecken! Aber ich gab nicht auf!

Bei einem Besuch in Dublin kaufte ich süsse Pflaumen. Nach erheblichem Arbeitsaufwand präsentierte ich der Familie eine grosse Platte karamellisierte Pflaumenknödel. Gespannt erwartete ich erneut das lang ersehnte Lob. Aber alle bevorzugten das kalte ungewürzte Hammelfleisch vom Vortag! Ich liess mich nicht davon abhalten, die nächsten drei Tage mit Genuss die restlichen Pflaumenknödel zu geniessen!

Auch beim Kuchen backen befand sich das Glück nicht auf meiner Seite. Da ich wusste, dass Jamie am nächsten Tag seinen Geburtstag feiern würde, suchte ich in der Küche alle Zutaten für einen Schokoladenkuchen zusammen. Zuletzt fehlte nur noch das Backpulver. Auf einer kleinen Dose stand in schwarzen Lettern „Baking Soda“ geschrieben: das musste es sein, ein Esslöffel davon sollte reichen! Kaum stand die Kuchenform mit der braunen Masse im Gasofen, gab es einen lauten Knall, so dass ich glaubte, jemand hätte geschossen. Bis heute frage ich mich, warum mein Zauberwerk im Ofen dermassen explodierte, dass ich anschliessend stundenlang putzen musste.

Allmählich begann auch ich an meinen Kochkünsten zu zweifeln! Am Tag vor Malcolm’s Geburtstag fuhr ich mit Linda nach Dublin, um Geschirr für ‚Fondue Chinoise’ zu kaufen. Tags darauf überraschten wir den Tierarzt mit einem kunstvoll dekorierten Tisch. Gerührt nahm er seine Frau in die Arme. „Komm setz Dich“, hauchte ihm Linda liebevoll ins Ohr. Darauf griff er hungrig nach seiner Gabel. Nach meinen Anweisungen begann die Tischrunde, das ihnen fremde Gericht zu essen. Die Saucen, die ich früh am Morgen frisch zubereitet hatte, schmeckten allen. Mit Champagner stiessen wir auf das Geburtstagskind an. Endlich schien ich eine Speise gefunden zu haben, die meinen Gasteltern und ihren Freunden schmeckte.

Kaum gedacht, füllte sich Malcolm seinen Teller mit den Rindfleischstücken, die er roh verschlang. „Schade, das gute Fleisch in Brühe zu kochen, zudem geht mir das Ganze viel zu langsam!“ maulte er wie ein ungezogenes Kind. Linda holte darauf die Whiskeyflasche und füllte damit ihrem Mann seinen Champagnerkelch. „So, mein Schatz, nun bist Du zufrieden!“. Damit war der Abend gerettet, aber es war zum Glück nicht mein Geburtstag!

Einige Tage später kam Malcolm früher als üblich in die Küche. Geheimnisvoll stellte er eine Plastiktüte in den Kühlschrank. „Heute Abend koche ich für meine Freunde!“ verkündete er stolz. Linda schaute sich im Kino zusammen mit Mabel den neusten Film an und ich verbrachte den Abend lesend in meinem Zimmer. Laute Männerstimmen drangen an mein Ohr, dass ich mich kaum auf meinen Kriminalroman konzentrieren konnte. Ein widerlicher Duft nach Urin zog durchs ganze Haus.

Ärgerlich eilte ich die Treppe hinunter. Acht Männeraugen richteten sich erstaunt auf mich, als ich die Küche betrat, in der es wie in einer öffentlichen Toilette roch. „Willst Du mitessen?“ fragte Malcolm schmunzelnd, schau, ich brate frische Nierchen. Er hob stolz die Bratpfanne hoch, in welcher tatsächlich die Innereien brutzelten. Mit einem Würgen im Hals schüttelte ich angewidert den Kopf.

Das laute Lachen der Tischrunde verfolgte mich die Treppe hinauf, die an einem grossen Spiegel vorbeiführte. Darin sah ich mich, ach wie peinlich, in meinem grünen Frotté-Einteiler, dessen Füsse orange leuchteten! Vor lauter Aufregung hatte ich vergessen, mich ordentlich anzuziehen.