Adler
 
10 - Strandleben
 

WattenmeerDa ich vor meinem Aufenthalt in Limerick mehrmals meine Ferien an der Adria verbrachte, konnte ich es kaum erwarten, einmal den Atlantik zu sehen.

Eines Samstags sollte dann endlich mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Ich sah Linda ein Picknick vorbereiten. Einige trockene Käse-Sandwichs landeten lieblos in der Kühlbox Voller Freude wollte ich Tomaten, gekochte Eier und Schokolade dazu legen. „Das brauchen wir nicht, die Brote genügen!“ winkte Linda energisch ab. Meine Enttäuschung wurde durch lautes Hupen brüsk unterbrochen.

Mabel, Lindas Freundin, die überall und immer mit ihren drei Sprösslingen mit dabei war, hupte nochmals ungeduldig. Endlich sassen wir zu fünft in Lindas grossem Jeep. Malcolm musste arbeiten und konnte uns daher nicht begleiten. Nach einer langen Fahrt, vorbei an herrlich grünen Wiesen, parkierte Linda neben Mabel, welche bereits mit einem Sonnenschirm und einer Decke unter dem Arm auf uns wartete.

„Zuerst gibt es etwas zu Essen“, bestimmte Linda, während sie den Picknickkorb auf den goldbraunen Sand legte. „Aber wo ist denn das Meer?“, wollte ich enttäuscht wissen. Das Stimmengewirr der Kinder übertönte meine Frage. Linda verteilte die einfachen Brote, während Mabel eine Flasche Weisswein entkorkte und die helle Flüssigkeit in zwei edle Kristallgläser goss. Die beiden Frauen prosteten sich lachen zu, während dem ich die mit Käse gefüllte, trockene Weissbrotscheibe mit lauwarmem Wasser hinunterspülen musste. Damit war der Rangordnung Genüge getan!

„So meine Liebe, nun kannst Du mit den Kindern zum Meer hinauslaufen“, sagte Linda und wendete sich wieder dem Wein zu. Verwundert betrachtete ich den Horizont. Kein Wasser weit und breit! Enttäuscht eilte ich der Kinderschar hinterher.

Und da war er endlich, der Atlantik! Während wir freudig dem schmalen Wasserstreifen in der Ferne entgegengingen, schubste mich John heftig am Arm. Weißt du wann die Flut einsetzt? Du meine Güte, das war des Rätsels Lösung. Momentan herrschte Ebbe! Natürlich! Tausend Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf!

Wir waren so weit draussen, dass wir Linda und Mabel nur noch als kleine Punkte wahrnehmen konnten. „Wie schnell steigt denn das Wasser hier?“ fragte ich ängstlich. „Ziemlich schnell, etwa wie ein galoppierendes Pferd!“ sagt mein Dad.

Eilig nahm ich den Kleinsten auf den Arm, die andern scheuchte ich vor mir her zurück in Richtung unseres Picnic-Platzes. „Seid ihr schon wieder zurück?“ fragten erstaunt die beiden Mütter, „die Flut kommt doch noch gar nicht!“ Trotzdem war ich erleichtert, dieser mir unbekannten Gefahr entkommen zu sein.

Warum nur hat mich vorher niemand gewarnt?